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Keinen Bock auf Unterricht

Mittelschule Portitz kooperiert mit Internationalem Bund für Schulverweigerer-Projekt

 
Thekla

Isabella wird gehänselt. Ihre Mitschüler betiteln sie als „Junge“ oder „Mannsweib“. Auch von ihrer Lehrerin wird die 13-Jährige bloß gestellt. Das Mädchen begegnet den Problemen auf ihre Weise: Sie geht nicht mehr zur Schule. Und das ein halbes Jahr lang. Anfangs bekommt ihre Mutter nichts vom Schwänzen ihrer Tochter mit. Später toleriert sie ihr Verhalten, aus Angst, Isabella könnte abhauen. Erst das Projekt „Schulverweigerung – Die 2. Chance“ hilft Mutter und Tochter aus der Misere.

Isabella sei nur eine von vielen Jugendlichen, welche die Schule verweigern, weiß Janine Merten, die selbst etwa 15 Schüler betreut. Sie ist Teamleiterin beim Internationalen Bund Leipzig, der ein Träger des bundesweiten Programms ist. „Wir kooperieren seit 2008 mit fünf Leipziger Mittelschulen – drei in Grünau, eine in Gohlis und die Portitzer Mittelschule in Thekla. Neu dabei ist das Berufsschulzentrum 7 in Neustadt-Neuschönefeld.“

Im Durchschnitt werden 45 junge Menschen im Projekt betreut, die die Schule verweigern. „Damit sind nicht nur die körperlich Abwesenden gemeint, sondern auch die Passiven, die verhaltens- und leistungsauffällig werden.“ Zielgruppe sind Schüler an Mittelschulen ab zwölf Jahre bis zum Beginn des letzten Schuljahres sowie Jugendliche, die eine Schule besuchen, an der der Erwerb eines Hauptschulabschlusses möglich ist.

Bisher beschränkte sich eine Förderperiode auf ein Schuljahr. „Nun haben wir grünes Licht bis Ende 2013.“ Annemarie Rauschenbach, Schulleiterin der Mittelschule Portitz, ist erleichtert: „Für uns bedeutet das eine gewisse Sicherheit. So müssen wir keinen neuen Träger suchen.“ Sie ist begeistert von Mertens Arbeit: „Wenn es dieses Programm nicht gäbe, würden die Hälfte dieser Jugendlichen nicht ans Ziel gelangen.“

Gemeinsam mit ihnen und der Schulsozialarbeiterin wählt Merten auffällige Schüler aus. Dann sucht sie das Gespräch mit den Eltern – oft auch zuhause. „Das ist etwas Besonderes, was wir als Schule nicht leisten können. Denn häufig kommen die Eltern nicht zu Elternabende, haben selbst Schulangst“, weiß Rauschenbach. Sie ins Boot zu holen sei unabdingbar. „Denn fast 100 Prozent der Betroffenen kommen aus belasteten Familien.“ Häufig begegnen Merten Inkonsequenz, fehlende Strukturen und Elternhäuser, die zu wenig auf klare Regeln bedacht sind. „Viele fangen ihre Kinder immer wieder auf. Sie versäumen es, ihnen aufzuzeigen, dass ihr Fehlverhalten Konsequenzen wie eben ein fehlender Schulabschluss haben.“ Häufig seien aber auch Alleinerziehende oder psychisch Kranke betroffen, die mit der Erziehung ihrer schulpflichtigen Kinder im Alltag überfordert sind.

Deswegen bietet das Programm auch Eltern Hilfe an, beispielsweise in einem Elterncoaching. „Von einem Kinder- und Jugendpsychotherapeuten lernen sie, welches Verhalten in welchem Alter normal ist. Vielen Eltern sind die verschiedenen Entwicklungsstufen ihrer Kinder nicht bewusst. Sie erfahren, wie wichtig Respekt, Privatsphäre, Verständnis aber auch Kontrolle sind. Gemeinsam erarbeiten wir Strategien, die dies berücksichtigen und ein konsequentes Handeln fördern.“ Gespräche mit anderen Betroffenen geben Gewissheit, nicht alleine mit dieser Situation dazustehen.

Auf Seiten der Kinder wird zunächst eine Kompetenzfeststellung durchgeführt. „Da wird geguckt, wo die Ursache ihres Verhaltens liegt. Fehlt es an der persönlichen Leistungsfähigkeit, gibt es Probleme in der Familie oder in der Klasse selbst?“ Daraufhin wird ein Bildungs- und Förderplan erstellt. In erster Linie finden sich darin vereinbarte Ziele und die individuellen Integrationsmaßnahmen und Abmachungen aller am Prozess Beteiligten. Es werden Nachhilfeangebote durchgeführt, um den versäumten Stoff aufzuholen, aber auch Kurse zur Förderung des Selbstbewusstseins. Geht jemand gar nicht mehr zur Schule, ist es möglich, dass Merten die Schüler morgens um 6 Uhr weckt, sie anschließend zur Schule begleitet und abholt.

Die Jugendlichen würden die Hilfen gut annehmen. „Viele freuen sich über die Aufmerksamkeit, die sie zuhause oft nicht bekommen.“ Häufig wüssten die Betroffenen, dass sie etwas falsch machen, doch alleine schaffen sie es aus dem Teufelskreis nicht hinaus. „Da kommen Sätze, wie ‚Jetzt war ich schon so lange nicht da, jetzt brauch‘ ich da auch nicht mehr hin‘.“ Helfen könne in solchen Situationen auch ein Lernpate – ein Klassenkamerad, jemand, der den Schüler mag und ein Auge auf ihn hat.

Merten reduziert die Häufigkeit der Maßnahmen und Einzelgespräche gegen Ende der Betreuung – dann übernehmen die Eltern wieder stärker ihre Aufgaben. „Es findet ein Abschlussgespräch zwischen dem Jugendlichen und uns als Case-Manager statt.“

In Leipzig wird das Projekt „2. Chance“ mit „Plan L“ noch von einem weiteren Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe umgesetzt. Bundesweit gibt es circa 190 Anlaufstellen.


Uta Zangemeister

 

Das Projekt „Schulverweigerung – Die 2. Chance“ wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds der Europäischen Union sowie durch die Stadt Leipzig und die Sächsische Bildungsagentur Leipzig gefördert. www.esf.de
 
Quelle: Leipziger Volkszeitung, Stadtleben Ausgabe Nord, 23.03.2012