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„Wir sind an den Kids dran“

Leipziger Verein betreut pro Schuljahr etwa 3000 Kinder in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

Sie selbst sehen sich als Potenzialentfalter – Vorbilder, die die Kinder motivieren und ihnen zeigen, dass es sich lohnt, Ideen zu verwirklichen. Eine Gesellschaft, in der Kinder zu starken und selbstbestimmten Gestaltern heranwachsen können, das ist die Vision des Vereins Eduventis. Seit 2008 sind die Dozenten auf ihrer Mission, bieten Kurse in Schulen oder Jugendtreffs an, bilden Lehrer weiter oder sorgen für besondere Erlebnisse in Unternehmen.

 

In der Mittelschule Portitz führt Eduventis im Rahmen des Ganztagsangebotes einen Graffiti-Kurs durch – immer mittwochnachmittags. Die 14-jährige Vivi ist schon seit zwei Jahren dabei. Ihr Vater ist Maler, sie selbst auch kreativ. Im Kurs von Patrick Seifried hat sie die Chance, dies auszuleben. „Ich klatsch gern was an die Wände“, lacht das junge Mädchen. Damit es nicht nur Schmierereien werden, zeigt der 36-jährige Patrick, der per Du mit seinen „Schülern“ ist, Tricks und Kniffe. Eine Schablone könne beispielsweise helfen, saubere Konturen zu bekommen.

Während Vivi ihre Vorlage vom Uni-Riesen verfeinert, erzählt sie Patrick von ihrem Tag. Von Dingen die schön waren, lustig oder eben auch nicht. Ihr Verhältnis wirkt vertraut. „Klar ist das hier ein Kurs, in dem es um Graffiti geht, aber nebenbei passiert ganz viel“, ist seine Erfahrung. Dass ihm die Kinder auch von Problemen erzählen, führt er darauf zurück, dass er ihre Leistungen, anders als Lehrer, nicht bewerten muss. Das macht den Umgang miteinander einfacher. „Wir sind genau dran an den Kids“, erklärt Seifried, der auch als Rapper Patrick „23“ mit der Leipziger Gruppe Styler-kings unterwegs ist.

 

„Unsere Dozenten haben eine Bot-schaft und nicht zuletzt eine bewegte Biografie“, weiß Eduventis-Vorstand Marcell Heinrich. „Sie haben selbst gesprayt, kommen aus der Hip-Hop-Szene oder sind Breakdancer. Die Jugendlichen hängen an ihren Lippen.“ Sie könnten sie fragen, wenn sie sich beispielsweise für Graffiti interessieren, ohne gleich Angst haben zu müssen, in eine kriminelle Ecke gedrängt zu werden. In der Mittelschule Portitz müssten sie davor jedenfalls keine Angst haben. Schulleiterin Anne Rauschenbach sagt: „Wir wollen kein Geschmiere draußen an der Schulfassade. Wir sprühen selber – und zwar richtig. Wenn man gezielt etwas macht, setzt bei den Schülern vielleicht ein Aha-Effekt ein.“ Gleichzeitig schule der Kurs die Fähigkeiten der Schüler, ein Konzept zu entwickeln oder die Wirkung von Farben besser einschätzen zu können.

 

Die Pädagogin ist begeistert von Seifrieds Arbeit und gibt ihm und den Schülern Raum, auch das Treppenhaus mit ihren Arbeiten zu gestalten. Rauschenbach sieht den Sinn des Projektes aber auch noch in einer anderen Hinsicht. „Unser Ziel ist es, die Jugendlichen am Nachmittag weg von der Straße zu bekommen. Wo treiben sie sich denn rum?“ fragt die Pädagogin und blickt auf die Parkplätze zwischen den Hochhäusern. Aus diesem Grund versuchen die Schulleiterin und ihre Kollegen, die Ganztagsangebote an den Interessen der Schüler auszurichten. „Da muss man eben auch offen für Graffiti und Breakdance sein.“ Doch ohne Fördergelder ging auch das nicht.

 

Der Verein Eduventis betreut aber nicht nur Schulen in Leipzig. 30 Mitarbeiter, Workshopleiter oder Dozenten sind in Sachsen, Sachsen-Anhalt und auch Thüringen unterwegs, der jüngste von ihnen ist gerade einmal 15 Jahre alt. Insgesamt nutzen pro Schuljahr 3500 Schüler die Angebote. 2006 haben Heinrich und sein Freund Michael Senf entschieden, ihre Leidenschaft an Jugendliche weiterzugeben. Der eine war als Breakdancer unterwegs, der andere als Rapper und Sprayer – beide haben eine pädagogische Ausbildung. „Wir haben gespürt, was in der jugendkulturellen Sache für eine Kraft drin steckt. Also haben wir überall, in Schulen und Jugendtreffs, Workshops durchgeführt. Und wir haben gemerkt, dass es einen Bedarf gibt, der über den Hip-Hop hinaus geht.“ Als die Nachfrage stieg, kündigten die beiden ihre festen Jobs und bauten ihre Idee aus. Zuerst als Abteilung beim Verein Urban Souls, 2011 formierten sie sich zum eigenständigen Verein Eduventis.

 

Ihre Dozenten lässt Eduventis in Kooperation mit der Universität Leipzig pädagogisch schulen – mit den Erziehungswissenschaften zusammen. „Das ist vor allem für diejenigen interessant, die aus ihrer Passion einen Beruf machen wollen.“ Denn als Breakdancer oder Rapper kann man ja keinen Abschluss machen. „Und wir können mit dieser Zusatzqualifikation unser Qualitätslevel absichern“, erklärt Heinrich, der selbst noch als Lehrbeauftragter an der Hochschule Merseburg arbeitet, zufrieden.

 
Uta Zangemeister
 

Eduventis – Bildung erleben e.V.; Telefon: 0172 1017442; E-Mail: info@eduventis.de; Internet: www.eduventis.de

 
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 11.03.2013, Seite 16